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Jedem Volk sein Führer

3 Jan

oder: Was ich sehe, wenn ich Deutschland sehe

Wenn ich Deutschland im Jahr 2011 sehe, sehe ich,

dass ein führender konservativer weißer adliger Politiker lügen und blenden kann, kein bisschen Unrechtsbewusstsein kennt – und von Politik und Volk verehrt wird,

dass einem körperlich eingeschränkten, weißen alten Mann in gehobener Position, der ein hetzerisches und menschenverachtendes Buch geschrieben hat, die Sympathien aus Politik und Volk zufliegen,

dass führende konservative weiße Politiker ohne Probleme rechtspopulistische Politik machen können,

dass fast jeder zehnte Deutsche sich einen Führer wünscht, der »mit harter Hand regiert« * und für Ordnung sorgt. (Hallo Führerlose, ihr seid gerade mal ein paar Jahre vom schlimmsten weißen Abschaum entfernt, der durch Deutschland und Europa gekrochen ist. Denken hilft. Oder mal ein Geschichtsbuch lesen.),

dass ein führender weißer liberaler Politiker nach Jahrzehnten der Gaddafi-Diktatur in Libyen Menschenrechtsverletzungen anmahnt – zu einer Zeit, in der Gaddafi sowieso gestürzt wurde und es erst mal keine wirtschaftlichen Geschäfte mit diesem Land gab,

dass es offenbar »Staatsoberhäupter« wie Gaddafi oder Mubarak braucht, um der Bundesregierung einen Spiegel vorzuhalten, der zeigt, dass wirtschaftliche Interessen die Menschenrechte abhängen,

dass führende weiße konservativ-christliche Politiker keine Flüchtlinge aufnehmen wollen, weil ihrer Meinung nach Deutschland nicht für die Probleme der Welt zuständig ist (nachdem Deutschland diese mit verursacht hat),

dass die politische Opposition keine Opposition ist und bemerkenswert ruhig,

dass der deutsche Papst entspannt mit Verbrechern umgeht und weiterhin menschenverachtende Politik machen kann,

dass die Mehrzahl der Vertreter in Politik und Medien überrascht ist, dass es echte Nazis gibt,

dass im Grunde alles nur eine Frage des Geldes von Industrie und Banken ist, was in und wie es Deutschland geht,

dass Deutschland sich nicht abschafft, sondern schon längst abgeschafft wurde.
Und zwar nicht von den üblichen Sündenböcken wie DEN Muslimen (Böse!) oder DEN Juden (Typisch! Aber nur, wenn sie Gene haben.) oder DEN Hartz 4-Empfängern (Schmarotzer!), sondern von einer Handvoll deutscher Halbkrimineller oder brutalstmöglicher Aufklärer oder Ehrenwortler oder Anderkontenkofferträger, die Wirtschaft und Politik in diesem Land bestimmen – und dafür vom Volk gewählt und bejubelt werden.

Ich sehe, was »Deutsche Leitkultur« bedeutet: ungeniertes Geld- und Machtstreben, lügen & betrügen – und dabei gut aussehen.
Ich sehe, was die »Christliche Tradition« in Deutschland ist: Dem »Stellvertreter Christi« zu folgen und auf Kosten der sogenannten Dritten Welt zu leben. Oder von Männern der Kirche vergewaltigt zu werden – und anschließend vorgeführt. Oder gegen Nicht-Christen, Homosexuelle, Frauen und alle Menschen zu hetzen, die nicht ins sogenannte christliche Menschenbild passen.

Ich sehe ein Volk, dass entweder keine Lust hat sich zu wehren (»Uns geht es doch gut!«) oder zu blöd ist (»Uns geht es doch gut!«) oder genau diese Situation will.

ABER
Hauptsache, der Bank geht es gut.

Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

(* Quelle: »Die Mitte in der Krise – Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland«, Friedrich-Ebert-Stiftung 2010)

Januar 2012