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ICH BIN NICHT WIR

25 Nov

oder: Wind weht einsam durch`s hohle Haus

Die seriöse Presse kriegt sich kaum ein vor Überraschung: Huch, es gibt böse Nazis! In Deutschland! Und staatliche Stellen hängen mit drin! Und die Regierung hat auch keine Ahnung! Huch, huch, huch. Mit echten ermordeten Menschen! Gibt`s das?!! Und keiner hat etwas gemerkt. Sie stellen sich die Frage, was WIR falsch gemacht haben, was UNS erschreckt und was MAN hätte tun können. WIR haben halt alle gepennt. Alle? Wir? Uns? Man? HALLOOOOOOOO?!!!

ICH BIN NICHT WIR, nur weil I-H-R es nicht hinkriegt!

Ich war schon nicht Papst, als WIR Papst wurden. Ich kann lesen und schreiben und muss mich dementsprechend nicht fragen lassen, ob WIR auf dem rechten Auge blind sind. Ich bin nicht WIR, UNS und MAN und traurigerweise nicht erschrocken, dass dieser Nazi-Terror möglich und passiert ist.
Wenn ich aber sehe, wer von UNS jetzt alles besser weiß und wie blauäugig WIR sind, wird mir Angst und Bange. Wie kommen diese angeblich aufgeklärten, ausgebildeten Mitarbeiter angeblich seriöser Medien oder der Politik in Positionen, in denen sie mit ihrer Arbeit der Öffentlichkeit oder dem Wahlvolk verpflichtet sind, in denen sie aber von gesellschaftlichen Strömungen, kurz: dem täglichen Leben der Menschen in diesem Land, nichts bemerken? Und trotzdem zu allem (k)eine Meinung haben, und diese laut und deutlich kundtun? Anstatt den Betroffenen – so sie noch leben – eine Stimme zu geben.

Erinnert jemand an die Inder in Mügeln? Ermyas M. aus Potsdam? Oder an die Opfer rechtsextremer Taten , die nicht in den Medien erwähnt werden? Oder das relativ freundliche Auftreten der Nazis beim Aufmarsch in Kreuzberg in diesem Sommer, den die Polizei relativ zeitig bekannt gab? Was ist mit nicht »eindeutig weißen« Menschen – oder besser: nicht »deutsch« aussehenden Menschen oder noch besser: nicht »arisch« aussehenden Menschen – die in diesem Land leben und jeden Tag mit Rassismus und Nazis konfrontiert werden?
Es gibt unzählige öffentlich zugängliche Quellen zu und über rechtsextreme Verbrecher und Verbrechen. Und es gibt in der Tat Journalisten seriöser Medien oder Menschen in Anti-Nazi-Projekten oder sogar Opfer rechtsextremer Gewalttäter, die zum Glück noch leben, und die oft und oft darüber berichten. Und diese Quellen, Menschen und Organisationen sind – ÜBERRASCHUNG!!! – NICHT LINKSEXTREM, liebe Politiker.
»Schande!« , sagte Politikfachkraft Nr. 1 zu den Nazi-Morden. Da hat sie vollkommen recht. Ich sage Schande bei jedem von der Justiz erlaubten NPD-Aufmarsch, zum Beispiel in Berlin. Da sehe ich aber regelmäßig keine CDU/CSU/FDP-Vertreter und/oder die Journalisten, die jetzt aufheulen. Schande. Was sagt eigentlich die Religionsfachkraft Nr. 1 dazu? Keine Zeit? Er führte jedenfalls die lateinische Messe wieder ein, in der der Satz vorkommt, die Juden zu bekehren. Oder öffnete sein Haus für die antisemitischen Pius Brüder und andere Verbrecher. Es ist noch nicht so lange her. Schande.

Nur weil jetzt manche Politiker und Journalisten feststellen, dass sie keine Ahnung haben, heißt das nicht, dass das bei anderen Menschen auch so ist. Trotzdem schalten sie sich ein, schreiben aber nicht »Ich bin blind und doof!« sondern »Warum haben WIR nichts bemerkt?« Schuld sind sowieso immer erstmal die Anderen. Wer war jetzt noch mal WIR, UNS und MAN? Ich nicht.

Wie fühlen sich die Hinterbliebenen der Opfer, wenn sie in der aktuellen Betroffenheits-Diskussion diese Null-Aussagen und Scheinheiligkeiten von Politik und Presse anhören und ertragen müssen?
Wenn ich die Kommentare der Politiker und der andern Verantwortlichen lese, und begreifen muss, dass sie keine Ahnung haben, verliere ich das Vertrauen in Recht und Gesetz.
Wenn ich die arroganten »Wir/Uns/Man«-Kommentare von Teilen der sogenannten seriösen Presse lese, verstehe ich nicht, wie solche Journalisten in so hohe Positionen kommen und ihre eigene Beschränktheit derart ausstellen dürfen – und das auch tun. Ich weiß aber wieder, warum ich mich so über Tom Kummers Erfolg gefreut habe.
Traurig.

Quellen der Inspiration: RBB, zdf.de, Frankfurter Rundschau, Berliner Zeitung, Der Tagesspiegel

November 2011