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ES lebt

25 Nov

Klischee ohne Klischee

ES lebt. Ich habe es selbst gesehen & gehört. Es geschah einen Tag nach dem Massaker in Norwegen. Ich wusste noch nichts Genaues über die Vorgänge dort. Ich musste zu einem ernsten Termin ins Brandenburgische. Und überlegte: Sollte ich tatsächlich etwas zu Essen mitnehmen? Grüße an dieser Stelle an Rainald Grebe! Oder besser Schusswaffen oder Ähnliches?
Habe ich dann beides nicht, weil ich dachte: In Potsdam wird es schon etwas Essbares geben, preislich sicher auch in Ordnung. Und die typischen Klischee-Rechten, die es ja bedauerlicherweise in echt geben soll, sind bestimmt gerade woanders. Und bitte nicht da, wo ich bin.

Also: Fröhlich rinn inne S-Bahn. Ich saß bequem, die Leute waren nett: Jeder kümmerte sich um seinen Kram. Die Sonne schien auch mal. Alles ruhig. Neben mir war ein Vierersitz frei. Obwohl Samstag war, war nicht viel los. Die nächste Haltestelle. Tür auf. Ich bemerkte ES nur aus den Augenwinkeln, und selbst das noch nicht einmal richtig, hatte aber gleich ein ungutes Gefühl: Och nööö … liebes Schicksal, es ist auch MEIN Wochenende, come on! Leichtes Unbehagen stellte sich ein. Obwohl ich immer noch nicht sagen konnte, warum.
Zwei junge weiße Männer, zu alt für Jugendliche, ich schätze in den Zwanzigern, stiegen ein. Beide trugen blaue Jeans, der eine einen blauen Pullover, der andere eine blaue Trainingsjacke, keine auffälligen oder besonderen Marken. Ganz friedlich und eigentlich wie alle. Der Pulloverträger hatte braune kurze Haare, korrekt frisiert, Typ Banker, die Trainingsjacke dunklere längere Haare und Koteletten. Alles ganz normal und unauffällig also. Nicht typisch rechts aussehend, nicht wie das lebende Klischee – bis der Mund aufging.

Die beiden setzten sich nebenan in den Vierersitz, uns trennte der Gang. Der mit den kurzen braunen Haaren murmelte hörbar etwas von »Kanaken, die in Horden auftauchen und einem hinterherkommen«. Der Kumpel mit den Koteletten lachte unsicher: »`Kanaken` sagt man nicht.« Der Kurze machte unbeirrt weiter: »Wieso?! Kanaken und Nigger!« Die Kotelette war verlegen und bemühte sich, Heiterkeit und Scherz zu verbreiten. Der Kurze blieb aber am Ball: »Neulich mit Uwe (Name geändert) in der Bahn, wir im Vierersitz. Uwe legt los von wegen Nigger. Dann dreh ich mich kurz um: Genau hinter uns saßen welche!!!« Bemühter Lachversuch der Kotelette, etwas war ihm offenbar unangenehm. Der Kurze blickte sich entschlossen im Abteil um und meinte: »Wieso? Hier sind doch nur Deutsche.«
Ich dachte, was ich immer denke, wenn es schon zu spät ist: Ich hör wohl nicht richtig. Und platzte fast vor Wut. Was sollte ich tun? Ich wusste es nicht –  was mich noch wütender machte. Eine gegen zwei, welche Chance hätte ich? Zu meiner Entkrampfung kam mir das Klischee höchstselbst zur Hilfe, denn der Kurze fuhr laut fort: »Ich muss genau die Nachrichten verfolgen, wegen Oslo! Ich fahr` doch nächstes Jahr nach Dänemark.« Die Kotelette war hörbar irritiert und fragte zaghaft: »Oslo ist doch Norwegen, oder?« Allgemeines Gemurmel.

Wäre es nicht so traurig, hätte ich laut losgelacht.

Diese beiden normal aussehenden rechten Deutschen sind dann korrekterweise an der mit Frakturschrift versehenen Haltestelle Wannsee ausgestiegen. Ich habe dann meine Klischeevorstellungen überarbeitet: Rechte sind immer noch innen hohl, sehen aber nicht mehr so aus.

Juli 2011

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