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END-SPANNUNG

25 Nov

Ich kann kein Yoga – muss ich jetzt sterben?

Obwohl ich genau in die Zielgruppe passe, kann ich kein Yoga. Obwohl ich eine abgehetzte Medienschlampe bin, kann ich kein Yoga. Obwohl hippes Kampf-Entspannen gerade/noch immer/schon wieder IN ist, kann ich kein Yoga. Ich kann mich nicht mit Yoga entspannen, weder entspanntes Entspannen noch K(r)ampf-Entspannen. Möglich, dass ich mich gar nicht entspannen kann. Wahrscheinlich bringt mich das früh ins Grab.

Ein junger Mann, den ich in einem Medien-Seminar kennen gelernt habe, hat bei einer Diskussion über den zum Seminar gehörenden Qi Gong-Kurs laut und deutlich gesagt, dass er mit Qi Gong, Yoga und Ähnlichem nichts anfangen könne. Zum Entspannen würde er Progressive Muskel-Relaxation praktizieren. Das würde ihm helfen und damit sei er zufrieden PUNKT Ich weiß noch genau, dass ich dachte: »Der Arme – fehlgeleitet oder feige!« Qi Gong war toll – außerdem fanden das alle anderen auch.
Der Qi Gong-Kurs gehörte zum Seminar dazu, ein Kurs im Kurs sozusagen: Wir wurden angehalten, uns Mittwoch morgens in einer kalten und schmutzigen Turnhalle auf schmuddelige Turnmatten zu legen und total zu entspannen. Andernfalls kamen Ansagen von der Leiterin des Kurses und der Leiterin des Seminars: Wegen Unentspanntheit. Weil Qi Gong gesund ist und gut! Basta.
Nach und nach erschienen jedoch immer weniger Kursmitglieder zu den morgendlichen Übungen. Ich auch nicht, weil ich um diese Uhrzeit Termine wahrnahm, für die ich in der Woche keine Zeit fand. Aber auch, weil ich mich unwohl fühlte. Und weil ich schon vorher fror beim Gedanken an die kalte Schmuddel-Halle, ging gleich die ganze Entspannungs-Vorfreude-Energie flöten.

Yoga habe ich später versucht. Irgendwie. Bei allen andern klappte es. Bei mir nicht so. Beim Omm kam ich auch nur bis zum Ömmchen. Versagt. Mir wurde bewusst, dass mich der erwartete Atem der Selbstauflösung nie-nie-nie durchfluten wird. Wie uncool. Es war auch bestimmt nur Verkrampfung, dass ich manchmal den Eindruck hatte, all die friedlichen und entspannten Yogis verwechseln Aufgehen in der Unendlichkeit mit existenziellem Egoismus. Mehr »Diese-Entspannung-gehört-mir-geh-mir-aus-dem-Weg-das-ist-meine-Matte-meine-Latte-und-mein-Parkplatz«-Arroganz durch schickes Omm-Omm als frohes Einswerdenmitdemuniversum. Wir atmen. War aber auch nur so ein Eindruck von mir.

Die Erleuchtung kam für mich dann unerwartet aus einer anderen Ecke um die Ecke: Die wirkliche Erlösung kam – natürlich, Ladies! – mit einer »L-Word«-Folge. In dieser Folge geht Bette, gespielt von Jennifer Beals, in ein buddhistisches Schweigekloster, um sich selbst zu finden und ihre Gefühle und alles. So weit, so gut. Bette ist eine wunderschöne, kluge und fleißige Karrierefrau, die auch in der Beziehung die Führende ist und stark sein muss und will. Also quasi genau so wie ich, nur ohne Flashdance. Auf jeden Fall erkennt der Zuschauer sehr gut, wie sehr sich Bette anstrengt, um die göttliche Gabe der Erleuchtung zu erhalten und Ruhe und Frieden zu finden. Aber so sehr sie sich auch bemüht und es versucht, es will ihr nicht gelingen. Sogar zum Draußen-Duschen hat sie keinen Nerv mehr. Es sind Temperaturen um den Gefrierpunkt, aber so etwas sollte der Erleuchtung nicht im Wege stehen.
Endlich entschließt Bette sich, zu packen und das Kloster zu verlassen. Man sieht sie von hinten warm eingepackt in Mantel und Schal mit ihrer Tasche an der Hand davongehen. Plötzlich springt sie in die Luft und tut einen Schrei: Man sieht von hinten, dass sie von vorne froh ist, da raus zu sein und sich durch besagten Schrei wahrscheinlich die Erleichterung verschaffte, die sie im Kloster vergebens gesucht hat.
Am deutlichsten, und das ist mein Lieblingsausschnitt (selbstverständlich neben sämtlichen Sex- und Liebesszenen von allen für alle mit allen), wird das in der folgenden Szene. Bette, ein junger Mann und eine alte Dame warten im Bushäuschen auf den nächsten Bus in die Stadt und sprechen über Bettes Abbruch des Klosteraufenthaltes. Die alte Frau sagt, schweigen sei nicht gut, alles müsse raus! Und schon schreien sich die drei voller Inbrunst und mit leuchtenden Augen – fast- die Seele aus dem Leib. Man erkennt, wie gut das Bette tut. Die Urschrei-Therapie gab es ja auch schon vor Jahren in der »Lindenstraße«, eingeführt durch die großartige Figur der Amélie »Darauf einen Sherry« von der Marwitz. Ich begrüße das!!! Mein Schwing & Schwang ist also irgendwo da draußen, ich muss es nur finden. Ich kann immer noch kein Yoga. Aber ich muss nicht sterben. Deswegen. Erst mal.

Juni 2010

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22 Nov

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