The Germans again!

27 Aug

Der NSU-Bericht ist da und Wesentliches fehlt: die Angabe, dass es institutionalisierten Rassismus in der BRD gibt. Ich weiß nicht, wie es dem Rest der Republik geht, aber im Berliner Alltag ist das offensichtlich.

Das ist schade, aber wir sind hier ja auch in Deutschland.

Es gibt nicht nur West-Nazis, sondern auch Ossis, die immer noch Verständnisschwierigkeiten haben, was die Menschenrechte angeht. Im Westen, zum Beispiel in Berlin-Reinickendorf, passiert es Flüchtlingen, dass ein Anwalt im Auftrag der Anwohner der Asylunterkunft ein Verbot durchsetzt, das den Kindern der Asylsuchenden verbietet, auf dem Spielplatz der Reinickendorfer zu spielen. Im Osten, zum Beispiel in Berlin-Hellersdorf, treffen die Asylanten auf die NPD, pro Deutschland und die Anwohner ihrer Unterkunft, die dagegen sind, dass sie dort leben könnten: »Unser Geld für unsere Kinder! Unser Geld für unsere Spielplätze!«
(An dieser Stelle würde ich gerne mal wissen, ob diese Deutschen, die alles haben, im Einsatz für die Erhaltung ihres Sozialstaates nur gegen Menschen vorgehen, die alles verloren haben und ihrer Meinung nach nur schmarotzen wollen, oder ob sie auch gegen Typen wie Uli Hoeneß protestieren, der den Staat wirklich gef*ckt hat? Oder Mr. de Maizière und sein Ministerium, die nachweisbar und wissentlich Gelder verschwendet haben? Waren die da auch derart auf den Barrikaden? »Unser Geld für unsere Spielplätze«? Ich habe nichts gesehen oder gehört … vielleicht war ich ja an dem Tag krank.)

Die Asylbewerber in Hellersdorf hatten solche Angst vor dem rechten Terror, dass einige kurz nach der Ankunft fluchtartig das Heim wieder verlassen haben und die, die dort geblieben sind, trauen sich nicht raus.

Der Berliner Innensenator Henkel (CDU) findet das nicht gut, weist aber gleichzeitig darauf hin, dass das Camp der Asylsuchenden auf dem Oranienplatz in Kreuzberg illegal ist und deutet eine Räumung an. Philipp »Liebe Freundinnen und Freunde und Armutsbericht« Rösler findet auch nicht gut, was in Hellersdorf passiert. Fremdenhass habe in Deutschland seiner Meinung nach nichts zu suchen, weil so Fachkräfte abgeschreckt würden, die die Deutsche Wirtschaft so dringend brauche. Ich weiß nicht, ob Herr Rösler ab und zu in den Spiegel schaut, aber würde er mal durch Hellersdorf gehen, könnte es passieren, dass er mit denen, die dafür sorgen, dass nicht nur Fachkräfte abgeschreckt werden, relativ viel Spaß erlebt. Ach, Mist, Denkfehler: Er hat ja einen Dienstwagen und Bodyguards. Und überhaupt auch gar keine Zeit wegen der ganzen Arbeit für die Wirtschaft und Lobby und Mövenpick und so. Hab ich jetzt kurz vergessen.
Die Asylbewerber in Hellersdorf sind ja auch gar keine Fachkräfte! Da ist das etwas anderes.
Frau Steinbach, Erika, findet es auch nicht so gut, was den Flüchtlingen in Berlin passiert und bemerkt auf einem Treffen der Deutschen Kriegsvertriebenen, wie vorbildlich Ungarn mit seinen Minderheiten umgehe. War sie schon mal Sinti & Roma oder schwul in Ungarn? Und was macht sie sonst so? Und Prof. Dr. jur. Arnulf »Die Nazis waren `ne Linkspartei« Baring wünscht sich auf ebendiesem Treffen, endlich mal wieder »Deutschland, Deutschland, über alles« singen zu dürfen.
David Irving, Holocaustleugner, darf nach 20 Jahren Einreiseverbot im September in Berlin eine Rede zum Thema »Freiheit« halten. Wo, wird natürlich nicht verraten. Ist ja eine Demokratie hier. Die Karten kosten angeblich 91 Euro. Ob da die Hellersdorfer Nazis auch dabei sind? (Update 5. September: David Irving darf doch nicht einreisen und reden. Das Städtische Kreisverwaltungsreferat hat beim Münchner Verwaltungsgericht Beschwerde gegen die Aufhebung des Einreiseverbots gestellt. Das sollte bereits im März enden. Bis zu einer neuen Entscheidung darf Mr. Irving nicht einreisen!)

Das ist Deutschland im August 2013, nach 13 Jahren NSU-Terror, der noch immer nicht völlig aufgeklärt ist, 21 Jahre nach Rostock-Lichtenhagen und den knapp 140 Naziopfern der letzten Jahre. Schönen Dank auch.

Ich ende mit dem Zitat eines Großen, der unter anderem in Dänemark Asyl fand, als die Zeiten in »Deutschland, Deutschland über alles« für Menschen wie ihn nicht sooo gut waren:

»Ihr aber lernet, wie man sieht statt stiert
Und handelt, statt zu reden noch und noch.
So was hätt fast einmal die Welt regiert!

Die Völker wurden seiner Herr, jedoch
Daß keiner uns zu früh hier triumphiert –
Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.«
Berthold Brecht

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Quellen:
– Berthold Brecht: Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui, Epilog, edition suhrkamp,
– Die Welt, Printausgabe vom 26. August 2013, Bericht über das Treffen der Vertriebenen,
– Münchner Runde, Sendung vom November 2011 („Nazis waren ne Linkspartei“) vom BR

27. August 2013

Eine Antwort to “The Germans again!”

  1. scholli2000 August 30, 2013 um 9:14 am #

    Vielen Dank dafür, Weiler! Den Artikel werde ich sofort auf Facebook propagieren (leider habe ich nicht so viele Freunde da, wie sie der Artikel verdient hat.)

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