Menschen, die im Essen liegen

12 Dez

Ich weiß es auch nicht mehr.
Eigentlich kann ja jeder Mensch, wie er will. Aber gerade in der Öffentlichkeit wären ein gut gerüttelt Stück Erziehung sowie Diskretion ganz gut: Manchmal sehe ich Dinge, die ich nicht sehen will.
Und ich meine hier nicht popelnde erwachsene Menschen in der Öffentlichkeit, z. B. in Autos an der Ampel. Oder erwachsene Menschen in der Öffentlichkeit, die sich in der U-Bahn gegenseitig die Mitesser ausdrücken. (Es ist Liebe! Respekt vor so viel Schamfreiheit.) Ich meine essende erwachsene Menschen in der Öffentlichkeit.
Menschen essen.
Das soll so!
Manche Menschen liegen leider nicht elegant römisch-dekadent vor, sondern in ihren Tellern. Wie das aussieht? Nutzen Sie manchmal oder bedauernswerter Weise oft bis immer Restaurants, Mensen oder Kantinen? Dann wissen Sie, was ich meine. Die Esskultur geht an` Arsch!
Ebenso, wie es schalldichte Schreiräume für überforderte IT-Eltern geben sollte, sollten manche Menschen sich mal selbst beim Essen zusehen müssen. Obwohl: Vielleicht würde das den meisten gefallen und ihnen gar nichts ausmachen. Trotzdem: „Die Hand geht zum Mund und nicht umgekehrt“, sagt Agnes. Wenigstens in der Öffentlichkeit. Sage ich. Und der Mund bleibt geschlossen beim Kauvorgang. Das wäre so schön! Und alles bliebe drin und unsichtbar. Auch im Schleudergang.

Unglaublich, wie viele Eindrücke in einer Sekunde Teilnahme durch einen einzigen unbeabsichtigten Blick aufgenommen werden können und den Tag verleiden: Nicht nur die Körperhaltung, auch Menge und Größe des aufgenommenen Nahrungsmittels und die damit einhergehenden Gesichtsverformungen prägen sich ungewollt deutlich ein. Ab spätestens 200 g nimmt nicht nur die Kommunikationsfähigkeit ab. Lustige Sprenkel erscheinen auf der Tischdecke oder auf der Bluse des Gegenübers. What about Lautstärke? Auch der nicht vorhandene Kaurhythmus will bemerkt werden. Noch nicht mal ein Techno-Kauen, obwohl es das ja auch gibt. Vielleicht war das Essen zu heiß. Dann funktioniert Schlingen entweder auch nicht oder erst recht. Es ist ja oft auch ein Zeitproblem! Gerade deshalb ist es doch wunderbar, wenn man mal trocken sitzt und bedient wird, auch wenn es nur ein kleiner Imbiss ist und man sich Zeit und Bewusstsein nehmen kann, um in Ruhe zu tafeln.
Ob diese Menschen ästhetisch unbedenklicher anzusehen wären, wenn sie alles, was sie essen, trinken würden? Mit krummem Rücken, den Kopf vorhängend, Haare sowieso egal, das Gesicht knapp über der Teller-Normalnulllinie, beide Ellenbogen ausgefahren und aufgestützt und los geht es. Schmatzgeräusche entstehen übrigens nicht nur mit offenem Mund, es kommt auf die Einspeichelung, aber auch auf die jeweilige Speise an. Kinder dürfen so was. Kinder dürfen sowieso erst mal alles. Sollen sie aber nicht. Hier könnten dann die Eltern oder Erzieher ins Spiel kommen.
Es ist nicht so, dass ich auf der Lauer liege oder von A nach B gehe, nur um Menschen zu beobachten und zu meckern. Ich sehe das quasi und tatsächlich im Vorbeigehen. Ich gucke rum, lasse den Blick schweifen, versuche, nicht in Hundekacke zu treten, denke nix und dann: Ess-Schändung, mit Abzügen in der Haltungsnote. Oder es ist ein neuer Trend, den ich verpasst habe: Food-Hanging, Foo-ang-ding oder Foing?

Ähnlich beim Tanzen verfolge ich die Theorie, dass Menschen, die rhythmisch und schlicht schön und appetitlich kauen, ähnlich Menschen, die rhythmisch und schlicht schön und appetitlich tanzen, auch gut im Bett sind. Um es platt, aber treffend zu sagen. Es hat etwas mit Sinnlichkeit zu tun. Es hat etwas mit Rhythmus zu tun. Und mit Genuss. Auch wenn wenig Zeit vorhanden ist: Respekt vor dem Essen.
Und, liebe Mitmenschen in Berlin-Mitte: Es ist nicht schlimm, wenn man nicht mit Stäbchen essen kann! Es ist aber schlimm, wenn man mit Gesicht und Oberkörper an der Tischkante vor dem Essen kauert und die Stäbchen wie ein Friedhofsgärtner die Schaufel beim Grab ausheben hält. Nur weil es cool ist, mit Stäbchen zu essen, obwohl man es schlicht nicht kann. Es ist übrigens auch nicht cool mit Stäbchen zu essen. Es ist 2011. Bitte. Leute, sitzt gerade.

Dezember 2011